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Möwen - die Überflieger des Jahres
Torsten Martin aus Eppendorf gewinnt den Publikumspreis der "Freien Presse" und einen Hauptpreis der Jury dazu
 Ein Hauch von Ostsee weht durch die Werkstatt von Torsten Martin im Erzgebirge. Foto: Wolfgang Thieme
Kleinhartmannsdorf. 1820 Leser haben über den in diesem Jahr zum zweiten Mal ausgelobten Publikumspreis der "Freien Presse" für erzgebirgisches Kunsthandwerk entschieden. 32 Arbeiten standen zur Wahl. Die Möwen-Serie von Torsten Martin erhielt 230 Stimmen und landete damit klar auf dem ersten Platz. Doch damit nicht genug.
Torsten Martin, den etliche Leute im Dorf vor allem deshalb beneiden, weil er seit Jahren sein Geld mit Vögeln verdient, ist sichtlich bewegt. Die Leser der "Freien Presse" haben seine Möwen zu Siegern, zu Überfliegern gemacht. Doch auch von der Jury, die in diesem Jahr über 32 eingereichte Arbeiten im Wettbewerb "Tradition und Form" zu befinden hatte, erhielt er alle zehn Stimmen.
Der erste Doppelpreisträger kann die Botschaft kaum fassen: "Damit habe ich wirklich nicht gerechnet. Im Gegenteil: Als ich meine Möwen einen Tag vor Einsendeschluss nach Olbernhau brachte, war ich völlig entmutigt, als neben mir Knut Dietze seine Teigarmengel mit Röcken aus gespaltenem Holz aufstellte. Ich sagte zu ihm: Da kann ich mein Zeug ja gleich wieder mitnehmen. Neben dir habe ich doch Null Chance!"
Damit lag der 55-jährige Martin offenbar völlig daneben. Zwar wurde auch Knut Dietze einer der fünf mit jeweils 1000 Euro dotierten Hauptpreise des Jahres 2010 zugesprochen, allerdings stimmten "nur" neun Jury-Mitglieder für ihn. In der Gunst der Leser der "Freien Presse" schafften es seine Engel nicht unter die ersten fünf.
"Bei aller Wertschätzung für die Arbeit der Fach-Jury, aber der Publikumspreis, also das Votum der Leser, hat für mich einen höheren Stellenwert. Das ist die Stimme des Volkes", sagt Martin, der seit 1990 Drechslermeister in vierter Generation ist und 1992 in dem Eppendorfer Ortsteil Kleinhartmannsdorf einen eigenen Betrieb gründete.
2002 hatte Torsten Martin schon einmal bei dem Wettbewerb des Verbandes Erzgebirgischer Kunsthandwerker und Spielzeughersteller einen der begehrten Hauptpreise eingeheimst - damals für seine Laune-Vögel und für eine Serie von lustigen Pinguinen. Das war lange bevor "Die Reise der Pinguine" ihren Siegeszug durch die Kinos antrat. Schon längst wusste der Meister da, dass es richtig war, sich vom reinen Weihnachtsortiment, also dem Saisongeschäft zu lösen und neue Wege in der Männelmacher-Branche zu gehen. Mit verrückten Hühnern, Hasen und Katzen traf er den Nerv der Kunden. Also mit Dingen, die das ganze Jahr in der Stube, im Kinderzimmer oder auf dem Schreibtisch stehen können. Das ist bis heute das Geheimnis seines Erfolgs. "Ich will nicht die große Kunst machen, nichts für einen elitären Kreis, sondern Produkte, die den Leuten gefallen, die durch Qualität überzeugen und in solider Handarbeit gefertigt sind", beschreibt er den Anspruch an sich selbst. Gemeinsam mit Ehefrau Rita versucht er in einem Vier-Mann-Betrieb genau das tagtäglich umzusetzen. Komplimente, wie das eines Kunden, bestätigen ihn: " Wenn ich Ihren Pinguin am Montagmorgen auf meinem Schreibtisch im Büro sehe, kriege ich gute Laune für die ganze Arbeitswoche."
Die Anregung kam an der Ostsee
Auf die Möwen habe ihn ein Besucher auf dem großen Kunsthandwerker-Weihnachtsmarkt in Bad Schwartau gebracht. Dort, nur einen Katzensprung von der Ostsee entfernt, ist Torsten Martin zusammen mit weiteren Berufskollegen aus dem Erzgebirge jedes Jahr präsent. "Die Idee reizte mich sofort. Vielleicht auch, weil die Möwe aus meiner Sicht für Urlaub, für Freizeit, für das Meer steht. Weil sie die Sehnsucht von uns Erzgebirgern nach der Ostsee symbolisiert", schmunzelt der Meister. Keine bestimmte Art sollte es sein und nicht etwa Lachmöwen, auch wenn dem Betrachter schon das Lachen kommt. Denn einige der possierlichen, gedrechselten Vögel stehen in Gummistiefeln auf stilisierten hölzernen Buhnen. Andere tragen einen Südwester, die wetterfeste Kopfbedeckung der Seeleute. Wieder andere liegen faul am Strand, stecken den Kopf unter einen der gebeizten Flügel. Manche schauen auch einfach nur neugierig in die Landschaft. Alle haben aber eines gemeinsam: In Qualität und Verarbeitung hat ihr Schöpfer Maßstäbe gesetzt.
Das war es auch, weshalb die Jury dieser Arbeit einen Hauptpreis zusprach. Dem Gremium gehörten Designer, Hersteller, Fachhändler sowie je ein Vertreter der "Freien Presse" und des Daetz-Centrums Lichtenstein an. Sie würdigten vor allem das Bemühen jener Drechslermeister, Holzgestalter und Spielzeugmacher, die versuchen, frischen Wind in eine stark von Traditionen geprägte Branche zu blasen - ohne dabei Traditionelles über Bord zu werfen. Auch wenn das nicht allen Bewerbern gelungen ist. Einige Handwerksmeister versuchen sich erfolgreich daran. "Das haben in diesem Jahr eingereichte Arbeiten bestätigt", sagte der Geschäftsführer des Ausrichterverbandes, Dieter Uhlmann.
Dass es bei dem zum nunmehr 16. Mal ausgeschriebenen Wettbewerb mit 32 eingereichten Arbeiten von 29 Firmen so viele Bewerber wie noch nie gab, schreibt Uhlmann auch der Mitwirkung der "Freien Presse" zu. "Durch sie erhalten Wettbewerb und Teilnehmer eine besonders breite Öffentlichkeit. Die Zeitung führt zugleich Hersteller und Kunden zusammen.
"Bedauert hat die Jury, dass nur zwei Spielzeuge eingereicht wurden. Obwohl auch die tanzenden Puppen von Annedore Krebs aus Grünhainichen überzeugten, ging sie diesmal leer aus, weil ihr Ballett keine echte Neuentwicklung darstellte. Der Baukasten der Firma Ebert überzeugte vor allem durch die Spielidee: Er vereint ein Würfelspiel mit einem Holzbaukasten.
Die Lieblinge der Leser
Während Torsten Martin bei der "Freie Presse"-Abstimmung mit deutlichem Abstand vorn landete, ging es auf den Rängen danach eng zu. Der beleuchtete Stern von Martina Rudolph aus Seiffen erhielt 122 und damit die zweit meisten Stimmen. Knapp dahinter landeten "Geissler's Mobile" (117) sowie die beiden Skispringer samt Schanze aus der Drechslerei von Volkmar Wagner aus Riechberg (115). Das räuchernde Kaffeemädchen aus der Kunststube Schmied Wolkenstein erhielt 112 Stimmen (Platz 5).
Aus: Freie Presse, erschienen am 28.07.2010
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